Wichtelspass Geschichte

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Kurzgeschichte

Wichtelspass

Aber über all die Schichtarbeit im Krankenhaus sind seine Eltern wohl noch nicht dazu gekommen, eine neue Wohnung zu suchen. Nichts rührt sich in den ringsum stehenden vierstöckigen Wohnblocks. Erfahrungsgemäß kümmert sich keiner der Mieter um die ungemütliche Fläche, ein paar Wäscheleinen, die Mülltonnen und die Reste eine Sitzbank. Der Hausmeister hat vorhin etwas von „blöde Gören“ und „lohnt nicht“ gemurmelt. Doch er ist weitergegangen.


Im ersten Stock geht Licht an und die Gardine wird beiseitegeschoben. Paul duckt sich neben den Stapel alter Säcke, die er aus dem Kellergang hochgeschleppt hat. Sie muffeln mächtig, irgendwo war Schimmel dran und verdammt viel Kellerasseln darunter. Am Haus hinter ihm scheppert oben ein Fenster, als es mit Kraft aufgestoßen wird.

Was wird n’das?“ Die Stimme der alten Zischke! Mit einem missmutigen Schnauben schaut Paul zu ihr hoch. Ob es schlimm ist, Tannengrün für etwas Gutes zu klauen? Mit seiner Schuhspitze schiebt er die drei Bund Nobilis hinter die Säcke, zumindest erwischt hat ihn Gemüse-Memet nicht.

„Ein Krippenspiel vielleicht.“

„He, wozu?“, keift die Zischke. Paul kann die fliegenden Spucketropfen bis hier unten sehen.

„Weil Weihnachten ist!“

„Was machst Du dann auf dem Hof, scher dich nach Haus“. Mit diesen Worten knallt sie ihr Fenster wieder zu.

Das leise Gemurmelte, „Keiner da!“, hört sie schon nicht mehr.

„Was soll das sein?“, lacht eine Stimme hinter ihm. „Da hast du aber in Religion nicht aufgepasst.“ Mist, das ist Anna, eine von den Großen aus der WG. Paul fährt herum und zieht seine Maske hoch. Mama hat gesagt, er soll immer an die anderen denken. Anna steht mit schiefgelegtem Kopf da und schaut sich die zusammengetragenen Teile an: eine Stehleiter, ein Geweih, Schleifenbänder, Grünzeug. Paul würde am liebsten abhauen, aber das Hoftor blockieren Annas WG-Leute. Also reckt er sich, um größer und älter zu wirken als seine zehn Jahre.

„Nein! Die Leiter wird eine Weihnachtspyramide und das sollte ein Hirsch im Wald werden. Trotzig hält er Anna das Geweih entgegen, das er im Wohnzimmer von der Wand genommen hatte.

Anna lacht immer noch, aber der dicke Kerl, mit dem sie immer rumknutsch kommt näher.

„Nicht schlecht, Wichteln für alle, aber da fehlt noch einiges, vor allem Rot.“ Er wendet sich zu den anderen jungen Leuten um. „Was meint ihr, helfen wir ein bisschen mit?“. Paul kann nur mit offenem Mund zusehen, wie alle ihre Räder an die Wand lehnen und nähertreten. Die jungen Leute beratschlagen kurz, dann verschwindet einer nach dem anderen.

„Was soll der Lärm?“ Das muss der Oberlehrer aus der Eckwohnung sein, er hat eine Fistelstimme. Paul will schon antworten, da fragt Annas dicker Freud.

„Moin, haben sie vielleicht ein bisschen Weihnachtsdeko über? Der Knirps hier will was für alle basteln.“ „Tja, wenn‘s für alle ist – im Keller steht der Christbaumschmuck von meiner Verstorbenen.“ Er verschwindet kurz und wirft dann den Schlüssel raus. „Aber wieder gut abschließen.“, ist sein letzter Kommentar. Jetzt schaut auch Annas Freund überrascht, er hat eindeutig mir einer Ablehnung gerechnet

Das Rolltor zur Hausmeisterecke fährt hoch und alle warten auf den Anranzer vom ollen Henning. Nicht das Paul ihn so nennen würde, das gebe echten Ärger zu Hause. Aber es passt, Henning Voss ist steinalt, bestimmt sechzig und immer schlecht gelaunt.

„Was ist eigentlich mit den Corona-Regeln?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen schaut der Hausmeister von einem zum andern. Einer von den WG-Mitgliedern zieht aus seiner Jackentasche eine Maske und hält sie dem ollen Henning hin. „Nun, wir tragen alle Maske und kommen aus zwei Haushalten – dat passt.“

Kurzes schniefendes Einatmen und schon geht es weiter. „Und wer räumt das wieder weg? Die Leiter gehört der Genossenschaft, die darf nicht raus und sowieso …“ Irritiert bricht er sein Gemaule ab. Paul steht vor ihm und hält ihm einen Schokoladenweihnachtsmann hin.

„Das hilft bei mir auch immer, bitte Herr Voss.“ Mit ernstem Gesicht hält er dem Hausmeister die Schokolade hin und die sechs jungen Leute schauen mit grinsenden Gesichtern zu. Noch ein Blick auf die mit Tanne geschmückte Stehleiter, die seltsame Strohpuppe mit vier Beinen. „Räumt wieder auf!“ Er macht zwei Schritte Richtung seiner Bude, dreht noch einmal um, nimmt Paul den Weihnachtsmann aus der Hand und geht grummelnd endgültig davon.

„Ich glaube, er hat gelacht.“ Erstaunt schaut Anna ihre Freunde an.

„Na ja, die Mundwinkel haben gezuckt“, korrigiert ihr Freund. Als er sich umdreht, läuft er fast in den Uhrmacher aus dem dritten Stock hinein oder besser gesagt in die Tanne, die der Uhrmacher vor sich herträgt.

„Ich hab euch beobachtet“, sagt er und streicht Paul über den Kopf. Unwillig taucht der darunter weg. „Wir haben zwei Tannen und der hier,“ er zeigt auf den Baum, „muss nicht auf dem Balkon stehen“. Mit einem gezielten Schwung stellt er die Nordmanntanne neben die Hirsch-Strohpuppe. „Nicht schlecht.“ Er ist schon wieder halb im Haus verschwunden, als alle im Chor „Danke!“ rufen.

Jetzt scheinen alle in den Häusern bemerkt zu haben, dass hier etwas vor sich geht. Finanzamtsangestellter Meyer-Schulze fragt aus dem zweiten Stock, ob sie eine Genehmigung hätten? „Jo, einen Wichtelpass!“, antwortet Anna im Brustton der Überzeugung und sie können sich ihr Lachen fast alle verkneifen, bis das Fenster zugeknallt wird.

Bange beobachtet Paul seinen Mitschüler Kevin. Der ist hier bei seiner Oma zu Besuch, wohnt eigentlich in einem Einfamilienhaus, was er nie müßig wird zu betonen. Mit einem Fußtritt gegen die Leiter lästert er, dass Paul wohl keine Geschenke kriegt und deshalb auf dem Hof herumturnt. Paul spring schnell neben die Leiter, doch die steht bombenfest, nur all die Glöckchen, die einer der Studenten angeschleppt hat, klingen wunderschön. Als keiner auf ihn reagiert, schlurft Kevin wieder ins Haus.

Paul tritt einen Schritt zurück und bestaunt die Leiter. Die jungen Leute haben alle möglichen Weihnachtssachen angeschleppt und dekoriert. Da steht ein übergroßer Nussknacker, Engelshaar füllt die Löcher zwischen den roten Weihnachtskugeln und Sternen in Kometenform. Unten, an der letzten Sprosse der Leiter hängt eine seltsam kuschelige Fellkugel.

„Was ist denn das für eine Wuschelknuschelchristbaumkugel?“ Paul hat sich hingehockt und streichelt vorsichtig über das seltsame Gebilde.

„Die ist von der Dicken aus Nr. 3, deren Katze ist weggelaufen, jetzt war das Spielzeug über.“

Es wird schummerig und allmählich richtig dunkel. Alle klatschen sich stolz ab und Annas Freund Martin macht ein Handybild von Paul oben auf dem Leiterbaum.

„So, jetzt aber ab mit dir ins Familienglück.“ Anna schiebt ihn Richtung Haustür. Die Gruppe schwingt sich auf ihre Fahrräder, der Hof und die Weihnachtsdeko sind in völlige Dunkelheit gehüllt. Paul schaut sehnsüchtig in den Himmel. Sternenstaub wäre jetzt toll, aber das gibt es nur im Märchen.

Mit hängenden Schultern schleicht Paul in die Wohnung, macht sich die Nudeln in der Mikrowelle warm und tritt noch einmal ans Küchenfenster – nichts zu sehen. Seine Mutter hat ihm die Star-Wars-DVD hingelegt, irgendwann muss er darüber eingeschlafen sein. Eine kühle Hand streichelt ihn wach und seine Mutter reibt zärtlich die kalte Nase über seine Wange. „Frohe Weihnachten, mein Schatz.“ Sie nimmt ihn bei der Hand und führt ihn ins Kinderzimmer.

„Was ist da denn los?“ Irritiert tritt seine Mutter mit ihm an das Fenster und nun wird auch Paul richtig wach. Da strahlt und leuchtet der ganze Mittelteil des Hofes – ein seltsames Gestell mit Unmengen an roten Kugeln und Glocken strahlt mit einem kleineren Tannenbaum um die Wette.

Paul reißt das Fenster auf, Mama lacht laut und gemeinsam mit seinem Papa rufen sie ganz laut „Frohe Weihnachten“ und bestaunen das blinkende klingelnde Gebilde im Hof.

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