Gärtnerinnen Freizeit

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Kurzgeschichte

Falscher Hase

Haarscharf zischt der Ball an Jochens Kopf vorbei. Er prallt gegen den Stamm des alten Boskops, springt, einige Blätter abreißend durch die Himbeeren, köpft drei Rosenkohlpflanzen, um dann klirrend das Frühbeetfenster zu durchschlagen. Jochen steht mit offenem Mund vor seiner Gartenlaube, holt ganz tief Luft, in einer Hand frisch geerntete Radieschen, in der anderen sein Lieblingsmesser.

„Ihr Scheißgören!“ Spucke fliegt aus seinem Mund, die Ader auf der Stirn pocht und seine Gesichtsfarbe nähert sich mit jedem Schritt Richtung Frühbeet dem Rot der Radieschen. Eine Minute später liegen die prallen Kugeln mit den weißen Spitzen wild verstreut vor dem Kasten, die sternenförmigen Zacken der Glasreste ragen drohend hervor, doch Jochen sieht nur noch den Ball. Das Geschoss weit von sich gestreckt, wirft er einen Blick auf die Ligusterhecke Richtung Nachbargarten. Diese Hecke bildet den Grenzwall, die letzte Verteidigungslinie gärtnerischer Kultur gegen das Chaos des Nachbargrundstückes. In seinem typischen Humpelgang stürmt Jochen Richtung des zentralen Hauptweges. Mit wenigen Schritten steht er vor dem wackeligen Drahtrahmen, den die Städter als Gartentür benutzen. Kurz überlegt er, ob er wirklich freiwillig seine Ruhe aufgeben soll, aber dies geht wirklich zu weit.

Die dünnen Haarsträhnen auf Jochens Kopf fliegen, als sein Kopf suchend von rechts nach links zuckt. Dort, wo früher seine Nachbarin mit kräftigen Schwüngen ihren Plattenweg gefegt hat, windet sich jetzt ein Pfad aus Schredder. Mittendrin eine dunkle Stelle mit tiefen Fahrradfurchen, eindeutig eine Pfütze, denkt Jochen schadenfroh. Tja, das passiert bei schön mit Gefälle verlegten Betonplatten nicht. „Kommt gefälligst raus, sonst ist der Ball im Arsch.“ Drohend schwingt Jochen seine Hippe mit der gebogenen Klinge über dem Lederball.
„Arsch sagt man nicht, das ist ein schlechtes Wort.“
Jochen schaut sich um, aber das einzige Lebewesen in Sichtweite ist ein Hase. Jochen kneift die Augen zusammen und schaut noch einmal hin. Ja, das sind eindeutig die langen Ohren mit den schwarzen Spitzen und die unförmigen Hinterläufe eines Hasen. Das Tier sitzt aufrecht, legt jetzt den Kopf schräg und schaut forschend in seine Richtung. Jochen macht einen zögerlichen Schritt zur Gartenlaube und schon schießt das Tier los, macht aber, wie aus Übermut, noch einen senkrechten Sprung mit Drehung, um dann hakenschlagend hinterm Haselstrauch zu verschwinden.


Einmal fest die Augen zukneifend schüttelt Jochen den Kopf und dreht sich langsam im Kreis. Nichts erinnert ihn mehr an den Schrebergarten der alten Else. Keine schnurgeraden Erdbeerbeete mehr, kein Apfelspalier und auch keine sauber gegrubberten Salatbeete. Überall in dem viel zu hohen Rasen stehen Gänseblümchen und Gundermann. Sogar Löwenzahn kann er erkennen und über allem brummt und summt es. Da steht tatsächlich ein Bienenstock, grün gestrichen mit einer dicken gelben Blume am Einflugloch. Neugierig pirscht sich Jochen heran, immer wieder den Blick in alle Richtungen schweifen lassend. Ein anerkennendes Lächeln huscht über sein Gesicht. Das wird die Obsternte in seinem Garten sicherlich gleich mit steigern, nicht schlecht. Hinter ihm knackt es. Er packt den fast vergessenen Fußball wieder fester und fährt mit blitzenden Augen herum.
Vor ihm steht ein dürres Mädchen in einem rot-weißen Trikot und streckt die Hände nach dem Ball aus.
„Nein!“
„Aber er gehört mir.“ Die dürre Kleine stampft tatsächlich mit einem Fuß auf.
„Wie heißt du?“
„Annemarie und ich bin schon Sechs.“ Stolz tänzelt das Mädchen auf den Zehenspitzen und reckt sich.
„Und wer hat den Ball geschossen? Wo sind deine Brüder?“
„Die Jungs schlafen noch und der Fußball gehört mir. Ich werde nämlich Kapitän in der Fußballliga.“
„Quatsch, du bist ein Mädel.“
„Na und?“
„Und wenn du geschossen hast, ist sowieso Schluss mit lustig, das gibt Ärger, aber richtig!“
„War keine Absicht.“ Die Stimme des Mädchens zittert ganz leicht, trotzdem schiebt sie ihr Kinn vor.
„Wo sind deine Eltern?“
„Beim Yoga im Vereinshaus, wir sollen artig sein.“

„Na, hat wohl nicht geklappt. Komm mit!“ Ohne sich noch einmal umzudrehen geht Jochen zurück in seinen Garten. Hinter sich hört er ein gemurmeltes ‚Man muss Bitte sagen‘ und als er am Haselstrauch vorbeikommt, sitzt dort der Hase. Nach einem langen Blick in Jochens Augen dreht sich das Langohr ruhig um und streckt ihm sein Hinterteil mit dem länglichen Schwanz entgegen. Jochen tut, als hätte er es nicht gesehen.
„Was habt ihr nur mit den schönen Erdbeerbeeten gemacht?“ Kopfschüttelnd zeigt er auf den Holzkasten in der Ecke des Gartens. „Und dort auf dem Kompost wuchs bei Else immer ein dicker Kürbis, manchmal war er sogar ein ganz bisschen größer als meiner.“
Das Mädchen reißt die Augen auf, leckt sich über die Lippen und fragt: „Könnten hier wirklich Erdbeeren wachsen?“
„Natürlich.“ Mittlerweile waren sie in Jochens Garten angekommen und er zeigt auf seine eigene Reihe Erdbeerpflanzen. „Und Möhren, Salat und Bohnen, aber das dauert noch ein bisschen, ist noch zu kalt.“ Als Jochens Blick auf die Splitter des Frühbeetfensters fallen, erinnert er sich schlagartig, warum ihm das Mädchen in seinen Garten hinterherläuft. Die Stirn in Falten legend, zeigt er ohne Wort auf den Schaden.
„Aber, es war doch keine Absicht. Es tut mir wirklich ganz doll leid, ehrlich.“
„Nee, so läuft das nicht. Der Ball bleibt hier und du sagst deinen Eltern, dass du Schaden angerichtet hast!“
„Zu Hause muss ich zur Strafe aufräumen, aber hier ist ja gar nichts.“ Verwirrt schaut sich Annemarie in dem wie geleckt wirkenden Garten um. „Wo wohnen denn deine Bienen?“
„Bienen wohnen in der Natur und jetzt troll dich!“

Sich mühsam hinkniend versucht Jochen all die Glassplitter aus dem Frühbeet zu pulen. Auch ein paar Salatkeimlinge haben den Aufprall nicht überlebt, Schade drum. Sein Blick wandert immer wieder zu der auf seiner Seite exakt beschnittenen Ligusterhecke. War da wirklich ein Hase? Mit der flachen Hand schlägt er sich mehrmals an die Stirn, sicher, dass sein Gehirn ihm in all der Aufregung nur Trugbilder vorgegaukelt hat.
Da ertönt aus Richtung seiner Gartentür ein vorsichtiges „Hallo?“
Zwei Knirpse stehen davor und während einer versucht die hochliegende Klinke zu erreichen, späht der andere durch die Holzlatten und ruft zaghaft.
„Was wollt ihr?“
„Guten Tag!“ Das Zwillingspaar legt die Köpfe in den Nacken und schaut zu ihm auf. Sie lächeln, nein, eigentlich wandern nur ihre Mundwinkel hinauf, der Rest sieht eher nach Heulen aus.
„Was wollt ihr, mein Bedarf an Rotzlöffeln ist für heute gedeckt.“
Die Jungs fassen sich an den Händen, lassen Jochen aber nicht aus den Augen. „Annemie sagt, du bist böse auf sie, aber sie hat sich entschuldigt.“
„Ja, hat sie, aber die Scheibe ist trotzdem kaputt.“
„Sollen wir beim Reparieren helfen, wir haben einen Zeugkasten.“
„Was habt ihr? Ach, egal. Verschwindet in euer Chaos. Los!“ Jochens Stimme wird immer lauter.
Die Jungs taumeln eine Schritt zurück und schieben einen Eimer zu Jochens Tür. „Die haben wir dir mitgebracht. Annemie sagt, deine Bienen haben gar kein Zuhause und auf diesem Veroni-dingsda wohnen ganz viele, später, im Sommer.“ Ohne sich umzuschauen laufen die beiden Hand in Hand zurück zum Nachbarsgarten. Dann kommen sie zwei Schritte zurück und wispern: „Aber du musst sie gießen, nicht vergessen.“

Jochen steht hinter seiner Gartenpforte und schaut auf den Eimer voller Erde. Nur ein paar grüne Spitzen sind zu erkennen und ein dicker Regenwurm. Na, der könnte vielleicht am Samstag beim Angeln ganz nützlich werden, geht es Jochen durch den Kopf. Er holt den Eimer in den Garten und versucht, sich vorzustellen, was daraus wohl mal wird. Aus dem Nachbargarten klingt Kinderlachen zu ihm herüber.
„Nein, so einfach kommt ihr nicht davon.“ Mit drohenden Blicken stellt Jochen den Eimer energisch vor die Gartentür. Er will nichts von den Ökos nebenan, basta. Unruhig stapft er zum Geräteschuppen, er muss dringend etwas tun, sonst kann er für nichts garantieren. Suchend schaut er sich nach einer geeigneten Arbeit zum Abreagieren um. Irgendwas, das Kraft fordert und ihn zum Schwitzen bringt. Jochen greift sich eine Grabeforke und beginnt das geplante Kartoffelbeet umzugraben, direkt an der Ligusterhecke. Doch egal, mit wie viel Schwung er die Forke einsticht, die Erde umwirft und auf die groben Schollen eindrischt – er kann die Stimmen hinter der Hecke hören.

Immer wieder vernimmt er die beiden Jungs mit ihren zarten Stimmen Wörter wie: „Lieb sein!“ und „nochmal entschuldigen!“ flüstern. Aber sie kommen anscheinend gar nicht zu Wort, denn ihre große Schwester wettert in einer Lautstärke und mit einem Ideenreichtum an Schimpfwörtern, dass Jochen irgendwann nur noch lauschend stehenbleibt.
„Himmel, Po und Strick“, „Arm im Geiste“ und „Trüber Altbürger“ gefallen ihm am besten. Nur bei „Langohrignorant“ kommt er kurz ins Stutzen. Aber dann grinst er doch weiter still vor sich hin, erinnert sich an die Schimpfwort-Olympiade in seiner Jugend. Und auch heute noch sind seine Schimpftiraden gefürchtet. Anerkennend muss er zugeben, dass die kleine Kröte schon gut mithalten kann. Darüber vergisst er fast, dass die wenig schmeichelhaften Wörter eindeutig ihm gelten. Irgendwann geht das Geflüster in eindringliches Zischen über und das Fluchen in leises Schniefen. Jochen bleibt ruckartig stehen und legt seinen Kopf schief, um besser lauschen zu können.
„Ich hab’s verbockt, das gibt garantiert Fußballverbot.“ Der Rest von Annemaries Weinen geht in Schluchzen unter.
Die Stimmen der Jungs kommen kaum dagegen an: „Entschuldige dich nochmal, er wird schon zuhören.“
„Nein, er ist ein sturer Brummkopf und Recht hat er auch noch.“

Jochens kurzfristige Entspannung verfliegt. Unentschlossen tritt er von einem Bein aufs andere. Da spürt er ein Zerren am rechten Hosenbein. Ein Blick nach unten und mit einem sehr unmännlichen Quiekser springt er mitten in das frisch beackerte Beet. Vor ihm sitzt ein Hase. Der Hase! Jochen verdreht sein Bein und sucht nach einem Loch. Gefühlt hat das Mistvieh ein Stück aus seiner Hose gerissen. Der Hase blickt ihn, mit zur Seite geneigtem Kopf an und leckt sich das Maul. Ungläubig, aber auch ein wenig fragend, schaut Jochen auf das graubraune Tier. Der Hase hoppelt Richtung Gartentür, dreht sich um, hoppelt wieder auf ihn zu. Was soll das? Nein, der verdammte Vierbeiner will ihm nichts sagen. Stur setzt sich Jochen mit untergeschlagenen Armen auf die Bank vor der Laube. Mit Anlauf kommt der Hase auf ihn zu, springt einen guten Meter in die Höhe, verdreht sich schraubenförmig und landet direkt vor Jochens Füßen. Der schnappt nach Luft, nickt zaghaft und steht mit leicht wackeligen Beinen auf.

„Okay! Das war eindeutig.“ Jochen greift sich seine Saatgutkiste und geht energisch Richtung Gartentür. Den Blick geradeaus brummelt er die ganze Zeit: „Nicht real!“ und „Nur die Nerven!“.
Vorsichtig betritt er das Nachbargrundstück und macht sich mit einem etwas zitterigen „Hallo“ bemerkbar. Hinter dem Haselstrauch schauen drei Gesichter hervor. Annemarie wischt mit ihrem Trikot schnell über das verheulte Gesicht, die Zwillingen fassen sich mit ängstlichem Gesichtsausdruck an den Händen.
„Ich habe einen Vorschlag!“ Jochen räuspert sich und stellt dann seine Saatgutkiste auf einen umgedrehten Eimer am Wegesrand.
Die Kinder kommen langsam näher.
Jochen greift in die Kiste und zieht einige der bunten Saattüten hervor. Jetzt sind die drei nicht mehr zu bremsen, neugierig schauen sie auf die Tüten mit Salat, Gurken und Möhrensaat.
„Mir entgeht ja ein Teil meiner Gemüseernte, weil du nicht zielen kannst.“ Mit einem Finger zeigt er in Annemaries Richtung.
Gerade will diese aufbrausen, aber ein Tritt von ihrem Bruder lässt sie nur die Schultern hochziehen und ganz vorsichtig lächeln.
„Also werdet ihr auch Gemüse anbauen und mir etwas abgeben, sozusagen als Ausgleich.“
„Wir wissen doch gar nicht wie.“ Fast gleichzeitig kommt es von den drei Kindern.
„Na, dann muss ich euch wohl helfen, aber darüber spreche ich wohl besser mit euren Eltern. Kommt nachher rüber.“

Mit verwirrten Gesichtsausdrücken schauen ihm die drei hinterher. An dem Gitter vorm Gartentor dreht sich Jochen noch einmal um und zeigt auf den wackeligen Drahtrahmen. „Ich glaube ja nicht, dass dieses Ding sicher genug für euren Hasen ist.“
Annemarie zieht die Augenbrauen hoch und schüttelt den Kopf. „Welcher Hase?“

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